Giro Sardegna 2018 - Ein Rennbericht aus Sardinien von Angela Eicher und Christian Schleppi

27.05.2018 von RSC St. Ingbert

Der Giro Sardegna 2018

Unser erstes Radrennen -oder:
Von alten Füchsen lernen!

Die Idee
Durch einen Bekannten, der von seiner Teilnahme an dem Giro Sardegna geschwärmt hatte, kamen wir auf die Idee, uns statt des üblichen Frühjahrstrainings auf Mallorca, zum Giro Sardegna anzumelden. Ende der Saison 2017 mit vielen Kilometern in den Beinen, kam uns das völlig realistisch vor.

Vorbereitung
Mitte Februar stellten wir fest, dass der Giro in 10 Wochen beginnen sollte und wir noch keinen Meter auf dem Rennrad gesessen hatten. Zwar hatten wir uns für den Winter Mountainbikes zugelegt, um überhaupt Rad zu fahren, aber das ist bekanntlich nicht das gleiche. Plötzlich erschien uns unser ganzes Vorhaben doch nicht mehr so realistisch. Während die Eine sich daraufhin aus ansteigendem Respekt vor dem Bevorstehenden bei Wind und Wetter auf das Rennrad setzte, um Kilometer zu machen („Auf die Rolle bringt mich keiner!“), musste der Andere zunächst noch die Tischtennissaison beenden, sodass längere Fahrten kaum möglich waren. So reiste eben die Eine am 20. April 2018 immerhin mit 1500 Trainingskilometern nach Sardinien, der Andere dagegen mit  spärlichen 400km…

Das Ziel
Angelas ausdrückliches Ziel war es, jeden Tag vor dem Besenwagen anzukommen. Chris wollte ebenfalls innerhalb der Wertung ankommen. Eines war klar: Wir starten zusammen und wenn es sein muss sterben wir zusammen. Aufgrund unserer umfangreichen Wettkampferfahrung bleiben wir auf jeden Fall zusammen. Um es vorweg zu nehmen: Wir haben alle Ziele erreicht.

 

Der Giro

Am Vortag des Rennstartes
Wir nehmen unsere Mieträder in Empfang, während die anderen Teilnehmer langsam anreisen. Der Adrenalinspiegel steigt, wenn man mit soliden 8-Kilo-Rädern zuschaut, wie die Raketenräder und Zeitmaschinen der echten Radfahrer abgeladen werden. Wir bestaunen Professionalität, Mannschaftsbusse und Begleitfahrzeugen und registrieren uns - erstaunlich reibungslos, obwohl es zunächst scheint, als wüsste keiner so richtig, wo er hin muss (Zitat eines Holländer: “It is always chaotic, but if it is chaotic, it will be good!).

Um die Nerven zu beruhigen und die Räder kennen zu lernen rollen wir uns auf einem Teilstück der ersten Etappe ein, legen die Taktik für die erste Etappe fest: Von hinten starten um Stürzen aus dem Weg zu gehen und ruhig ins Rennen zu kommen– ein Fehler, wie sich herausstellen sollte…

Am Nachmittag lernen wir unseren  Nachbarn auf der Hotelanlage kennen: Ein alter Mann. Er kommt auf unsere Terrasse, mustert Angela und lobt: „Gute Beine“. Kopfschüttelnd, mit leicht erhobenem Zeigefinger zu Chris: „Du? Nicht so gut!“

1. Etappe, Sonntag: Get to know each other

Wie besprochen, stellen wir uns zum Start ganz hinten auf. Nach neutralisiertem Start wird das Rennen offiziell erst nach 12 km freigegeben und geht über 93 km. „Sehr gut, dann können wir entspannt reinfinden…“ Anfängerfehler! Direkt am Start verpassen wir die Gruppe und müssen die ersten 10 km auf Anschlag fahren, um kurz bevor das Rennen freigegeben wird, wieder - gerade noch so - das hintere Feld zu erreichen. Direkt nach der Freigabe geht’s berghoch und das Feld bricht hinten in viele Einzelteile. Wir kämpfen uns mit wenigen Hobbyfahren und Ü70-Männern den Berg hoch. Die Etappen sind lang und wir merken schnell, dass man Zeit hat, auch nette Leute kennen zu lernen. Nachdem unser neuer spanischer Freund Raffael uns kurz vor der Bergkuppe stehen lässt, sind wir auf uns allein gestellt und mühen uns auf dem welligen Hochplateau zu zweit für 20 km ab, ehe in der Abfahrt von hinten wieder einige aufrollen. Mit einer kleinen Gruppe fahren wir bis KM 70. Dann erste Krämpfe bei Chris – da macht sich der Trainingsrückstand bemerkbar- die Gruppe ist weg, nur noch ein Mitstreiter, der die Gruppe auch nicht halten konnte. Wieder 20 km alleine ehe von hinten die nächsten kommen. Zwei Engländer, die sich bereit erklären, uns im Windschatten mitzunehmen; der Rugbyspieler, der genau so auch aussieht und seine Freundin mit Raderfahrung. Das Angebot nehmen wir dankend an.

Nach 106 km und  4,15 Stunden erreichen wir völlig fertig das Ziel. Zur Belohnung gibt es Cola und leckeres italienisches Eis.

Abends um 18 Uhr findet die tägliche Siegerehrung und das Briefing für den Folgetag statt. Die ersten Ergebnisse zeigen, dass uns unser alter Nachbar 51 Minuten abgenommen hat – unfassbar! Wir beschließen, von alten Füchsen muss man lernen! Ab sofort läuft bei uns alles nach seinem Zeitplan: Wenn der Fuchs wäscht, dann waschen wir auch. Wenn er auf der Terrasse eine Orange schält, schälen auch wir auf der Terrasse eine Orange…und um 22 Uhr geht das Licht aus.

Erkenntnis des Tages: Fehler in der Startaufstellung können nicht mehr kompensiert werden und kosten zu viel Kraft-allein im Wind. Vom Start weg wachsamer sein!

2. Etappe, Montag: Einzelzeitfahren

Einzelzeitfahren über 17 km mit welligem Profil.

Wir rollen die 19 km Anfahrt zum Start, um warm zu werden. Wir starten aufgrund unserer Platzierung im hinteren Viertel früh- so früh, dass bei unserem Eintreffen gegen 8.25 Uhr die Zeitmessung für den Start noch aufgebaut wird. Beim Start werden die festgelegten Startzeiten nicht so genau genommen; wer da ist, startet. Wir fahren beide auf Anschlag und überholen unterwegs einige. Mit unserem Schnitt von32 und 33 sind wir zufrieden.

Beim verdienten Cappuccino im Ziel schauen wir uns die schnelleren Starter an und finden, völlig selbstverständlich, Gruppen für das am 5. Tag anstehende Team-Zeitfahren. Um 18 Uhr findet wieder das Briefing für den nächsten Tag statt.

Tageserkenntnis: Im reinen Zeitfahren ohne Taktieren sind wir ein gutes Stück besser als auf einer normalen Etappe.

3. Etappe, Dienstag: „…to ride in groups“

Diesmal tun wir es dem Fuchs gleich: spätestens 30 min vor Rennbeginn am Start sein und weiter vorne aufstellen! Bei der 106 km-Etappe geht vom Start weg das Massaker um die Plätze in den Gruppen los. Wir erreichen mit aller Gewalt und im roten Bereich die 2.Gruppe. Ab KM 8 wird kurze Zeit schnell und stabil gefahren;die erste Möglichkeit, den Puls kurz zu beruhigen. Bei KM 11 erreichen wir die, als gefahrenträchtig angekündigte Brücke, die unsere Gruppe in zwei sprengt. Wir begehen einen weiteren Anfängerfehler: Von ganz hinten beginnen wir, völlig über Limit zu fahren, um die vordere Gruppe wieder zu erreichen. Bis KM 30 kämpfen wir uns Meter für Meter langsam an die Gruppe ran. Als wir die Gruppe mit höchster Anstrengung erreichen, steigt es kurz an. Hier verlieren wir, gemeinsam mit unserer neuen holländischen Freundin Sylvia endgültig den Anschluss. Bis dahin waren wir im 37-er Tempo unterwegs, ganz deutlich über unseren Möglichkeiten!

Weiter geht es zu dritt in deutlich niedrigerem Tempo, um auf die nächste Gruppe von hinten zu warten. Durch den schnellen Anfang haben wir einen großen Vorsprung auf die nächste kleine Gruppe. Erst bei KM 50 kommen vier Fahrer von hinten, von denen zwei Engländerinnen sich uns angeschlossen haben. Die letzten 55 km fahren wir in der 5er Gruppe- vier Frauen und Chris. Es läuft harmonisch, wir wechseln uns im Wind ab. Auf den letzten 10 km geben wir noch einmal Gas und überholen tatsächlich noch einige Fahrer, die sich z.T. an uns hängen.

Tageserkenntnis: Vieles richtig gemacht – aber überpacen kann auch gefährlich werden, wenn man die Gruppe nicht halten kann und auf sich alleine gestellt ist.

4. Etappe, Mittwoch: Monte Albo

Mit 115 km und 1.600 Höhenmetern die Königsetappe. Um 8.30 Uhr stehen wir am Start. Das hat gestern gut funktioniert. Aus unseren Fehlern vom Vortag haben wir gelernt und reihen uns eine Gruppe weiter hinten ein. Der Start läuft ruhiger. Bis zum Berg bei KM 20 wird dennoch über 30-er Schnitt gefahren. Langsam fahren wir in den Berg, ab der Hälfte sammeln wir langsam Fahrer der vorderen Gruppe ein, so auch die holländischen und englischen Mädels, die wir bereits kennen und einige Männer. Hier muss es einmal erlaubt sein, den schlimmsten Lutscher des Giros zu erwähnen, der von nun an an unser aller Hinterrädern klebte: Nummer 18. Er macht keinen Meter im Wind. Selbst zur Pastatheke beim Abendessen nutzt er Windschatten.

Auf dem höchsten Punkt bilden wir eine Gruppe aus 15 Fahrern, mit der wir in eine starke und schnelle gemeinsame Abfahrt gehen. Alles läuft großartig und kameradschaftlich (bis auf die 18). Bis KM 70 zur 2.Verpflegungsstelle ist alles perfekt. Ein paar Schlucke trinken und weiter geht es zügig, organisiert und angenehm, nur unser spanischer Freund Raffael ist nicht mehr dabei. Dann unser Riesenpech: Chris ruft „platt!“. Damit ist klar, die Gruppe ist weg. Wir haben Glück im Unglück. Raffael, der den Bananas an der Verpflegungsstelle nicht widerstehen konnte, kommt, strahlt und freut sich, dass er die letzten 45 km nicht alleine fahren muss. Dafür hilft er beim Reifenwechsel. Nachdem noch Angela die Kette runterspringt, verlieren wir auch die kleine Engländergruppe, die wir nach der Panne langsam einholen konnten. D.h. dann endgültig nur zu dritt gegen den Wind. Nach einem langen Weg zurück, kommen wir 20 Minuten nach der Gruppe, mit der wir ohne die Reifenpanne ins Ziel gefahren wären, an.

Abends erfahren wir erst um 21 Uhr unsere Startzeiten fürs Mannschaftszeitfahren – die Organisation ist sehr liebevoll, aber auch chaotisch.

Tageserkenntnis: Fast alles richtig gemacht und sehr stark gefahren. Trotzdem kann beim Rennen alles passieren. Der Träger des gelben Trikots hat mit Reifenschaden kurz vor dem Ziel das Trikot und die Rundfahrt (um 40 Sekunden) verloren – wir unsere Gruppe und 20 Minuten.

5. Etappe, Donnerstag: Teamzeitfahren

Bei der 20 km langen Anfahrt zum Start kann man sich die Beine warm treten. Angela startet mit ihrem Damenteam, als erstes Team überhaupt, um 9.00 Uhr auf die 24 km lange Rennstrecke. Die Anfahrt machen die Damen stolz mit den Profis aus den stärksten Teams des Gran Giro.

Der Trubel ist erstaunlich professionell, als erstes Team sind die Mädels im Fokus der Fotografen und des Veranstalters. Start absolut pünktlich und mit viel Tohuwabohu.

Da Chris mit seinem Team erst um 10.40 Uhr mit seinem Team startet, sehen die Männer bei der Anfahrt die Mädels inkl. Tour-Auto an ihnen vorbei fahren. Chris hierzu: „In einheitlichen Trikots und super organisiert sieht stark aus und mit einer Average von mehr als 34 auch bärenstark.“

Chris und sein Team dagegen erwartet am Start Chaos: anstellen, wer da ist, startet. Startzeiten sind nur grobe Richtwerte. Chris ist in einer 5er-Gruppe, in der alle anderen deutlich stärker sind. Die Jungs gehen voll auf Attacke und fahren einen 39-er Average heraus. Besonders Brandon aus England marschiert und treibt die Gruppe immer wieder an. Chris muss dem hohen Tempo Tribut zollen und 10 km vor dem Ziel abreißen lassen. Trotzdem für alle eine super Erfahrung! Hinterher lassen die Teams zusammen im Café das Rennen Revue passieren.

Tageserkenntnis: Frauen fahren disziplinierter, aber nicht weniger erfolgreich. Unhomogene Teams sind beim Mannschaftszeitfahren zu vermeiden.

6. Etappe, Freitag: The Final Uphill

Die Beine sind schwer von der ungewohnten Belastung. Vor uns liegt eine letzte Etappe von nur 40 km, die letzten 10 davon aber am Berg mit Steigungen von bis zu 13%. Erstmals gehen wir die Etappe anders an: Chris versucht, auf dem Flachstück in der Führungsgruppe zu bleiben. Angela lässt abreißen, um den Puls nicht direkt unnötig in die Höhe zu treiben; sie weiß, sie kann am Berg punkten. Mit Hilfe einer kleinen Italienerin, die sich eine Gruppe zusammen sammelt und beeindruckend organisiert, fährt Angela bis zum Berganstieg bei KM 27. Chris wird unterwegs ebenfalls eingesammelt.

Der Rhythmuswechsel im Anstieg ist hart; die ersten 3,5 km mit 13% Steigung sind respekteinflößend und wir sind ganz am Ende der Gruppe. Im Laufe des Anstiegs überholen wir, arbeiten uns langsam weiter nach vorn, finden eine Fahrerin aus Angelas Damenteam vom Vortag. Das Ziel kommt in Sicht…. Nach sechs Tagen…. große Glücksgefühle…. Alle feiern gemeinsam. Es gibt Essen, wir haben endlich Zeit für gemeinsame Bilder, man verabredet sich fürs nächste Jahr. Es hat Riesenspaß gemacht. Alle haben gekämpft - miteinander, nicht gegeneinander (mit Ausnahme von Nummer 18 vielleicht ;-))

Tages- und Wochenerkenntnis: Sechs Tage am Limit fahren macht Beine und Geist müde. Trotzdem ist der Körper erstaunlich und irgendwie ist es möglich, zum Schluss noch einmal ungeahnte Kräfte zu entwickeln.

 

Bericht und Bilder: Angela Eicher und Christian Stopp

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